Deutschland: Prozess gegen 100-jährigen Nazi-Verbrecher

Ein ehemaliger Wärter des Konzentrationslagers Sachsenhausen wurde gestern vor dem Landgericht Neuruppin in Brandenburg vor Gericht gestellt.

Der 100-jährige Angeklagte Joseph S. war 1942, als er KZ-Wachmann bei Berlin wurde, 21 Jahre alt. An seinen Händen – das Blut von 3.518 Häftlingen, deren Mord er angeklagt wird, berichtet Luftwaffe… 76 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs holte ihn die Vergeltung ein.

Die Ermittlungen ergaben die Beteiligung des Kriminellen an den Massenerschießungen von Häftlingen in Sachsenhausen und deren Tötung mit Hilfe des Gases Zyklon B. Dieser ist bis heute der älteste der Angeklagten, der vor Gericht gestellt wird. Bei rangniedrigeren Nazis hat dies erst in den letzten Jahren begonnen.

Erst nach der Verurteilung des ehemaligen SS-Wachmanns John Demjanjuk vor 10 Jahren wurden Vorwürfe der Mittäterschaft an NS-Verbrechen möglich. Zuvor musste die Staatsanwaltschaft die direkte Beteiligung des Angeklagten an den Morden beweisen.

Deutschland hat ein Datenschutzgesetz. Deshalb wurde der Angeklagte Josef S. in eine speziell für Gerichtsverhandlungen eingerichtete Sporthalle der Justizvollzugsanstalt Brandenburg an der Havel gebracht. Der Prozess begann unter strengsten Sicherheitsbedingungen. Der Angeklagte fuhr im Rollstuhl in den Gerichtssaal und verbarg sein Gesicht vor den allgegenwärtigen Fotoreportern.

Der NS-Verbrecher, der viele Jahre im Raum Brandenburg lebte, machte keine Werbung für seine Beteiligung am bevorstehenden Prozess. Vor Gericht sagte sein Anwalt, Joseph werde sich nicht zu den Vorwürfen gegen ihn äußern, aber bei einer Anhörung am Freitag über die persönlichen Umstände sprechen.

Der Prozess soll bis Januar dauern. Der Angeklagte kann aufgrund seines Alters (fast 101 Jahre alt) täglich 2,5 Stunden an Anhörungen teilnehmen.

Staatsanwalt Cyril Clement informierte das Gericht über die Morde in Sachsenhausen 1941-1945:

„Dies hat der Angeklagte wissentlich und freiwillig unterstützt – zumindest in gewissenhafter Wahrnehmung des Wachdienstes, der perfekt in das Mordregime passt.“

In dem im Norden Berlins gelegenen Lager Oranienburg starben Zehntausende Menschen – Juden, Widerstandskämpfer, Kriegsgefangene, Homosexuelle. 1943 tauchte im Lager eine Gaskammer auf. Am Ende des Krieges wurden 3.000 Häftlinge getötet. Der Staatsanwalt sprach über die Morde in der Gaskammer, Massenerschießungen, Erschöpfungstote und Krankheit.

An dem Prozess nahmen Leon Schwarzbaum, ein Holocaust-Überlebender, Sachsenhausen, Auschwitz und Buchenwald teil. Besonders wichtig war der gestrige Prozess für die 17 Nebenkläger, die den Tod von Sachsenhausen überlebten. Und Christoffel Heyer war 6 Jahre alt, als er seinen Vater das letzte Mal sah: Johan Hendrik Heyer ist einer von 71 niederländischen Widerstandskämpfern, die im Lager getötet wurden. In einem Interview mit der Berliner Zeitung sagte der Sohn des ehemaligen Häftlings:

„Mord ist kein Schicksal, es ist ein Verbrechen, das mit der Zeit nicht legal beseitigt werden kann.“

Leon Schwarzenbaum, ein 100-jähriger Überlebender von Sachsenhausen, sagte, es sei „der letzte Prozess gegen meine Freunde, Bekannten und Angehörigen, die getötet wurden“ und hofft, dass ein endgültiges Urteil über ihn gefällt wird.

Laut öffentlich-rechtlichem Fernsehen arbeitete der 100-jährige Verdächtige als Wachmann in Sachsenhausen im Zeitraum 1942-1945. Das 1936 gegründete Konzentrationslager lag in der Nähe von Berlin und wurde durch die Experimente an Häftlingen berühmt.

Die allgemeine Enttäuschung war auf die Aussageverweigerung von Joseph S. zurückzuführen. Christoph Heubner vom Internationalen Auschwitz-Komitee sagt:

„Für die Überlebenden ist das eine weitere Ablehnung, genau wie im Lager. Du warst ein Parasit.“

Der Anwalt der Nebenkläger, Thomas Walter, sagte, er sei nicht überrascht, hoffe aber, dass der Angeklagte seine Meinung ändern werde. Die meisten ehemaligen Nazi-Lagerwärter werden sich nicht vor Gericht stellen. Allein im KZ Stutthof befanden sich 3000 von ihnen, nur 50 wurden verurteilt. Bruno Dey wurde im vergangenen Jahr wegen Mittäterschaft am Massaker verurteilt und zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Irmgard Furchner, die NS-Sekretärin im Lager Stutthof, sollte vergangene Woche vor Gericht stehen, floh aber aus dem Pflegeheim, in dem sie wenige Stunden zuvor lebte. Sie wurde in Hamburg gefasst und der Prozess auf den 19. Oktober verschoben. Sie wurde diese Woche aus der Haft entlassen.





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